Ein Interwiew mit Teresa Schuhl

Frau Schuhl, würden Sie sich dem Leser bitte in ein paar Sätzen vorstellen?

Ich bin in Tadschikistan geboren und aufgewachsen. Diese Kultur prägte mein Wesen und das Verständnis für Mystik und Spiritualität in einer völlig anderen Art, als das in der westlichen Kultur üblich ist. Den heiligen Glauben im Verborgenen zu ehren und tief im Herzen zu leben – das erfuhr ich durch die alten Frauen, die sich heimlich zum Gebet trafen. Sie schulten ihre Heilkunst und den Umgang mit der Geistigen Welt in der Stille – ohne viel Theatralik, aber mit viel Respekt und Ehrfurcht. Ich begriff, dass diese Welt sich nur dem offenbart, der eine bestimmte Reife des Glaubens erreicht hat, nicht durch den Intellekt. Ohne viele Worte vermittelten sie mir unbewusst, dass die geistige Welt und die Welt der Menschen sich nicht trennen lassen, und dass in ihr wunderbare verborgene Kräfte weilen, die alles Erdenkliche hervorbringen können. Wie die alten Kulturen die geistige Welt mit einbezogen in jeden Prozess des Lebens, so beziehe ich sie auch in mein Leben und meine Arbeit mit ein.

Der Begriff „geistige Welt“ ist ja mittlerweile ein Modewort geworden. Können Sie bitte definieren, was Sie darunter verstehen?

Die geistige Welt ist zunächst all das, was wir mit unseren normalen menschlichen Sinnen nicht wahrnehmen können. Im Einzelnen umfasst dieser Begriff die Welt der Verstorbenen und die Welt von Geistwesen, die Sphären der Engel und die Sphären aller verborgenen Kräfte, und schließlich das Göttliche. In der westlichen Kultur wurde alles, was mit geistiger Welt zu tun hat – gerade im 17. bis zum 19. Jahrhundert – radikal über Bord geworfen, während in alten Kulturen der Umgang mit der geistigen Welt mit hoher Ehrfurcht gepflegt wurde. In der heutigen Zeit ist das Bedürfnis nach den „geistigen“ Dingen längst wieder im Aufwärtstrend, wie der intensive Glaube an Engel, die zunehmende Spiritualität und schließlich der Zuspruch zu aller Art geistiger Heilweisen erkennen lässt.

Ist dies eine Form von Energie?

Nun, das ganze Universum besteht aus Energie, natürlich auch das rein Geistige, das uns umgibt. Ich habe mich nie intensiv mit den Erklärungsmodellen befasst, um den Begriff „Energie“ zu erläutern – das können viele gute Wissenschaftler sicher besser als ich. Doch es hindert mich nicht daran, Energien wahrzunehmen und sie in ihrer Form und Essenz zu unterscheiden oder sie zu verändern. Mir ist vor allem bewusst, welche Macht Energien haben können, Gutes ebenso wie Schlechtes verursachen zu können.

Sie sind Heilerin geworden, ohne es eigentlich zu beabsichtigen. Nun kenne ich Leute, die glauben, in Wochenend-Workshops Heiler werden zu können. Wie sehen Sie das?

Wenn wir aufrichtig im Herzen auf spiritueller Suche sind, können Seminare, Bücher und Workshops in uns einen Impuls auslösen, doch die tiefe Wandlung und Läuterung unseres Herzens erleben wir in der Stille und Zurückgezogenheit unserer Seele. So werden Schmerz und Leid oft zum Anker, der das umhertreibende Schiff unseres Wesens zur Ruhe bringt. Wie wohl jeder Mensch, so lernte auch ich durch Schmerz und Verzweiflung die schwierigsten Lektionen meines Lebens kennen und lernte, meine unliebsamen Eigenschaften anzunehmen und zu wandeln. Ich begriff, dass kein Lehrer im Außen diese Wandlung in mir vollziehen kann. Dies vollzieht sich in der Reife meines Verlangens nach Gott.

So glaube ich, dass wir nicht Heilerin oder Heiler werden können, nur weil wir es wollen und schon gar nicht durch persönlichen Ehrgeiz. Erst wenn das Heilige in uns wach wird, können wir Heilerin oder Heiler werden. So ist der Weg zur Heilerin eigentlich der Weg zum Heiligen in uns, und unsere Aufgabe besteht darin, diesen Pfad in der Welt der Täuschung nicht zu verlieren, auch wenn die Verlockung oft sehr stark ist.

Haben viele Menschen heutzutage nicht auch sehr romantische Vorstellungen von einem Leben als Heiler oder Heilerin?

In unserer heutigen Zeit haben wir in vielen Dingen romantische Vorstellungen. Es ist noch nie so einfach gewesen, alles zu besitzen was wir wollen, und unsere Wünsche haben sich noch nie so einfach und so schnell erfüllen lassen wie heute. Haus, Auto, materieller Luxus – alles ist auf Knopfdruck zu bestellen. Und so werden auch scheinbar spirituelle Wünsche erfüllt. Wir kaufen uns Heilung, Erleuchtung und ein Diplom zum Heilen. Doch Gott und die Gabe jeder spirituellen Kraft lässt sich niemals kaufen. So lehrten uns Buddha, Jesus, Krishna und viele weise Lehrer. Sie alle warnten uns vor genau dieser Zeit, sich in den Wünschen der Welt zu verlieren. Wir schmücken uns heute nur zu gern mit Worten wie Achtsamkeit, Demut und Spiritualität, doch die tiefen Lehren und ihre wahren Bedeutungen, die dahinter stehen, setzen wir oft nicht um.

Bei den Naturvölkern hatte das Heilen den Status des Sakralen. Denken Sie, dass das heute anders ist?

Wie schnell verlieren wir das Interesse an einer Sache, die wir uns kaufen, wenn sie überall zu bekommen ist. Wie schnell ist der Wert des dritten Spielzeugs wertlos, wenn wir ihn in unserem Besitz haben. In Tadschikistan war die Süße einer Tafel Schokolade unbeschreiblich für uns – wie göttlicher Nektar. Doch wer freut sich heute noch über eine einfache Tafel Schokolade? Wenn wir die Christus-Energie in Flaschen und das Heilige auf DVD´s glauben kaufen zu können, und es nicht im eigenem Erleben begreifen, dann verlieren wir die Achtung und die Ehrfurcht vor dem Sakralen. Auch wenn sich die Entdeckung der eigenen Spiritualität in einem so rasantem Tempo vollzieht, wie wir es heute oft beobachten, und wenn überall selbsternannte Erleuchtete wie Pilze aus dem Boden schießen, so werden das wahre Heilige und die wahre Erleuchtung niemals einfach zu erreichen sein, sondern uns lange verborgen bleiben.

In Ihrem Buch geht es um Ihren Lebensweg, um die Überwindung vieler Lebenskrisen hin zu einem sinnerfüllten Leben. Wie geschah es, dass Sie zur Heilerin wurden?

Jede Biographie eines Menschen prägt seinen Charakter, formt seine Gedanken und führt ihn schließlich zu seinem eigenem Werk. Im Lieben und Leiden, im Verlieren und Finden, im Weinen und Lachen lernt der Mensch sich selber kennen, begreift er sein inneres Wesen, findet Lösungen für seine Lebensaufgaben, wirft seine Last ab, um zu seinem tiefsten inneren Selbst aufsteigen zu können – zu seiner Seele. Die tiefen und oft schmerzhaften menschlichen Erfahrungen wird uns das Zeitliche nicht stehlen, wenn wir die Erde verlassen. Diese Erfahrungen sind ein Schatz, den wir nicht zurücklassen müssen wie den irdischen Besitz.

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit den Lehren vom Heilen und Heilwerden zu früh zu, werden in erster Linie Verstand und Ego geschult, die nur zu gern miteinander Hand in Hand gehen. Dann ziehen sich die Seele und ihre Partnerin, die Intuition, zurück, und uns bleiben die wirklich wertvollen Lektionen, die nur unser Lebensweg uns bieten kann, unentdeckt. Wenn wir jedoch der leisen Stimme unserer Seele lauschen und wenn die Intuition uns führt, offenbaren sich uns die Praktiken und Techniken zur richtigen Zeit von selbst. Alles wird dann zur Heilung – denn in jeder Emotion, in jedem Gedanken und in jeder durchlebten Situation, die das Herz öffnet und die Seele berührt, liegt Heilung. Sehen Sie, genau da spricht mein Buch über Heilung.

Sie haben auf Ihrem Weg zu sich selbst die Höhen und Tiefen der menschlichen Seele erfahren. Bei Naturvölkern haben die Heiler und Schamanen ebenfalls sehr dramatische Biografien, geprägt von Krankheit und Einsamkeit, bevor sie als Heiler tätig sein können. Ist das eigentlich die Regel?

Die Lehren Jesu oder Buddhas fordern alle Menschen auf, den inneren Heiler zu suchen, und diese Lehren haben ewige Gültigkeit. Es liegt an uns und unserem freien Willen, dem heiligen Ruf zu folgen.

Doch nicht jede Seele ist bereit, durch Schmerz und Leid, Krankheit und Einsamkeit zu gehen und sich aus dem Rad der immer wiederkehrenden Lektionen zu befreien. Auch wenn nicht jeder Mensch zum Heiler, Schamanen oder Guru wird, der durch Höhen und Tiefen gegangen ist, so wird doch jede Seele, die den schmerzhaften Weg der Läuterung gegangen ist, ein Aufgabe übernehmen können, die der gesamten Menschheit dient. So ist die Aufgabe einer Altenpflegerin oder Putzfrau, eines Busfahrers oder Sanitäters, eines Greenpeaceaktivisten, der sein Leben in Gefahr bringt, um die Natur der Erde zu erhalten, nicht geringer einzuschätzen als die Tätigkeit einer Heilerin. Im Dienst des Lebens zu stehen, ist gleichzusetzen damit, Gott zu dienen, egal mit welcher Berufung.

Das habe ich auch in meinem Buch betont: Gott verteilt keine bevorzugten Gaben. Alles ist Gabe, was dem Menschen, den Tieren und der übrigen Natur dient.

Wenn Sie in Resonanz gehen mit dem Leid und dem Schmerzen ihrer Mitmenschen ist das sicher auch ein sehr anstrengender Prozess. Wie schützen Sie sich, damit Sie nicht die Energien Ihrer Patienten aufnehmen?

Ich gehe nicht in Resonanz mit den Menschen, sondern in Resonanz mit dem Heiligen. Bin ich in der Liebe, so fühle ich, weil die Liebe offen ist für das Leid, ohne selbst Schaden zu nehmen. Wenn ich einen Menschen berühre, berührt es mich und ich nehme die Botschaft seiner Seele wahr. Die Seele des Heilers bedarf keiner eigenen Erfahrung des fremden Schmerzes, um Mitgefühl zu entwickeln, sie ist göttlichen Ursprungs. Nur unser Ego muss lernen, mitzufühlen.

Die Kunst des Heilens ist zu lernen, alles zu seiner Zeit zu offenbaren, alles dem Atem des Lebens zu überlassen. Die Kunst liegt darin, im Heilen nicht heilen zu wollen, Gebet zu sein und nicht Gebete zu formulieren – und vor allem, in Demut zu knien und in Erhabenheit sich zu erheben, um zu empfangen. Die Weisheit liegt nicht im Lernen und Forschen, sie liegt im Beobachten des richtigen Augenblicks.

Das klingt, als hätten Sie ein sehr vielschichtiges Klientel: Heiler, Ärzte, ganz normale Bürger. Welche Menschen kommen zu Ihnen und wie finden diese zu Ihnen?

Krankheiten orientieren sich nicht daran, welcher sozialen Schicht wir angehören oder welchen Beruf wir ausüben. Wir identifizieren uns zu stark mit dem, was wir haben und nicht mit dem, wer wir in Wirklichkeit sind. Und so ist die Krankheit bei jedem zu Hause, der nicht seine wahre Natur lebt – sei er Arzt oder Anwalt, Masseur oder Manager, Richter oder Reinigungsfrau, Mönch oder Marktfrau. Ein kranker Mensch wird zum Suchenden. Und auf dieser Suche nach Heilung aktivieren wir Impulse in uns, die uns nicht nur zur Schulmedizin, sondern weit darüber hinaus zu unseren Selbstheilungskräften führen. Ebenso können die aktivierten Impulse die Grundlagen unserer Vorstellung vom Heilsein ganz neu ordnen.

Wie erklären Sie sich das zunehmende Interesse von Schulmedizinern an Ihrer Arbeit?

Hört und liest man nicht an jeder Ecke, dass unsere Welt im Wandel sei auf allen Ebenen unserer Kultur und unserer Gesellschaft? Dieser Wandel vollzieht sich in einem so rasanten Tempo, dass es einem den Atem verschlägt. Leider ist die Schulmedizin oft sehr zögerlich, heraufziehende neue Perspektiven zu erkennen. Ich höre oft, dass Patienten ihren Hausarzt auffordern, auch mal andere Heilmethoden kennen zu lernen – und immer wieder erzählen Krebspatienten, sie hätten Angst, ihrem Onkologen mitzuteilen, dass sie gleichzeitig zur Chemotherapie auch ganz unabhängig davon zu einem Heiler gehen.

Andererseits gibt es bewundernswerte Pioniere unter den Ärzten, die ihre traditionellen Therapieformen durch alternative Formen des Heilens ergänzen. Akupunktur, Homöopathie, Kinesiologie und Heilen über das Bewusstsein zum Beispiel sind Methoden, die in der Schulmedizin nicht fehlen dürften. Sie sind effektive Hilfsmittel auf dem Weg der Heilung. Deshalb gründeten Dr. Wolfgang Bittscheidt und ich die Ärzteakademie für Geistiges Heilen, um Ärzte an diese Form des ganzheitlichen Heilens heranzuführen.

Es geht auch, und das wird ein spiritueller Arzt am ehesten erkennen, nicht in jeder Lebensphase darum, das Leben um jeden Preis zu verlängern, sondern auch dem Patienten zu einem würdigen Sterben zu verhelfen, wenn der Zeitpunkt dazu gekommen ist.

Es heißt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Spielt die Hoffnung auf dem Weg zum geistigen Heiler ebenfalls eine große Rolle?

Wenn wir im Göttlichen wurzeln, dann kann die Hoffnung in uns nicht sterben, denn sie ist der göttliche Hafen in uns, sie ist der Wind der uns immer trägt. Wenn wir begreifen, was Hoffnung in Wirklichkeit ist, werden wir keine existentielle Angst mehr empfinden. Die Hoffnung ist die treibende Kraft in uns, das Suchen nicht aufzugeben. Sie ist die Kraft, die das Ruder unseres Lebens herum werfen kann, sie ist eine Urkraft in uns, die Unmögliches möglich macht. Der kranke und verängstigte Mensch trägt tief in sich den Impuls, sich genau an diese Kraft der Hoffnung zu klammern, um nicht ohnmächtig zu werden. Sogar dem Tod kann man mit Hoffnung begegnen. Das ist das, was ein Heiler im Kranken aktiviert. Ich glaube, von Hoffnung getragen können wir all das in Frieden loslassen, was uns belastet.

Frau Schuhl, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Doris Iding (Redaktionsbüro München)

Frau Schuhl, täglich strömen Menschen in Ihre Praxis, die von Ihrem Ruf als charismatische Heilerin gehört haben. Was geben Sie diesen Menschen?

Krankheiten erleben die meisten Menschen als Bedrohung. Aber auch wenn es verblüffend klingt: Jede Krankheit ist ein Freund. Sie kommt als Begleiter, wenn wir nicht mehr unseren eigenen Weg gehen, und eröffnet uns die Chance, zu den tiefsten Schichten unseres Selbst zu gelangen. In diesen Tiefen sind verdrängte Verletzungen verborgen, die als körperliche Symptome an die Oberfläche gelangen. Ich helfe den Menschen, diese Verwundungen zu erkennen und zu überwinden.

Das klingt nach einer psychologischen Methode. Oder rechnen Sie sich als Heilerin zu den Esoterikern?

Ich bin weder Psychologin noch Esoterikerin. Was mich leitet, ist einzig meine Liebe zum Göttlichen und meine darin wurzelnde Intuition. Ich lege den Menschen die Hand auf – die älteste Heilkunst der Welt. Oft zeigen sich mir dann spontan die Themen und Ereignisse, die die Menschen krank gemacht haben. Und ich bete mit den Patienten.

Was passiert dabei?

Es hat eine erlösende Wirkung. Manchmal sage ich: »Ich kann deine Bürde nicht tragen, aber ich kann dich tragen.« Viele weinen dann, weil sie sich von ihrer Last befreit fühlen. Die körperliche Heilung ist jedoch nur ein Nebenaspekt. Viel wichtiger ist, den Sinn der Krankheit zu erkennen und zu verstehen. Der Königsweg besteht darin, Frieden mit sich selbst zu machen.

Welche Rolle spielt der Glaube an Gott in Ihrem Leben?

Die größte und wichtigste. Gott ist es, dessen Energie und dessen Liebe ich fühle und weitergebe. Je mehr ich zu meinem wahren Kern gelangte, umso mehr wuchs in mir die Gabe des Heilens.

Ihr Buch heißt »Wüstenmädchen«. Wie kam es zu diesem Titel?

Ich wurde in der Steppe Zentralasiens geboren. Dieses Land hat mich stark geprägt: Ich wuchs in großer Freiheit auf – ein wildes Mädchen, das den ganzen Tag draußen war und oft durch das unwegsame Gebirge streifte. Ein Wüstenmädchen eben. Nach der Umsiedlung nach Deutschland musste ich ganz andere Wüsten durchwandern: Entwurzelung, Verunsicherung, emotionale Kälte. Ich habe die Wüsten des Lebens kennengelernt, die seelischen Entbehrungen, den Durst nach Liebe. Das hilft mir heute bei meiner Arbeit.

Was kann man aus Ihrem Buch für das eigene Leben mitnehmen?

Ich habe das Buch geschrieben mit dem Impuls, den Lesern einen neuen Blick auf ihr Leben zu eröffnen. Deshalb erzähle ich sehr off en von meinen Irrwegen und Krankheiten, die mich viele Jahre lang in Bann hielten. Und ich erzähle, wie ich meine innere Freiheit fand, in der Liebe Gottes und in der Liebe zu den Menschen. Jeden Tag sehe ich in meiner Praxis Menschen, die zusammenbrechen, weil sie keinen Zugang zu ihrer Seele und zu ihren Gefühlen haben. Doch es gibt einen Ausweg.